Liberaler Stammtisch Travemünde zum Thema Sicherheit

Der Liberale Stammtisch zur Sicherheitslage in Travemünde: Gibt es ein Sicherheitsproblem im Seebad?

Der gesprengte Geldautomat in der Vorderreihe am letzten Wochenende zeugt von einer unglaublich kriminellen Energie, Brutalität und Dreistigkeit und wird hoffentlich zeitnah aufgeklärt. Es scheint sich aber um einen Einzelfall zu handeln, einer von 5 vergleichbaren Fällen in ganz Schleswig-Holstein.

Wenige Tage zuvor beschäftigte sich der Liberale Stammtisch mit der Kriminalitätsthematik. Zu Gast war der FDP-Landtagsabgeordnete und Polizeibeamte Jörg Hansen, Sprecher für Polizei, Sport sowie Senioren; ein bekennender Fan der Stadtteilpolizei und ländlichen Polizeistationen. Fazit der Runde: Das Seebad zählt nach wie vor zu den ruhigen und in Sachen Sicherheit wenig auffälligen Stadtteilen.

Ein Faktencheck bestätigte dies. Von 23614 Delikten, die 2017 in Lübeck registriert wurden, entfielen 968 auf Travemünde. Umgerechnet waren dies 72 Straftaten auf 1000 Einwohner. In der Innenstadt wurden demgegenüber 9294 Straftaten registriert, bzw. 377 bezogen auf 1000 Einwohner. Im Seebad auffällig waren vor allem die vielen Diebstähle an und aus dem Kfz. Mit 304 Taten pro 1000 Einwohner ergaben sich ähnliche Fallzahlen wie in St. Getrud oder St. Jürgen. Auch 2018 wurden bereits im Januar wieder dutzende Fahrzeuge aufgebrochen. Vergleichsweise hoch war auch die Zahl der Fahrraddiebstähle (73 auf 1000 Einwohner), vergleichsweise niedrig die der Wohnungseinbrüche (15 auf 1000 Einwohner). Dass Travemünde nicht zum „Statistik-Primus“ wurde erklärt sich mit der Besonderheit eines Touristenortes: Dort, wo viele Menschen zusammenkommen und viele Veranstaltungen stattfinden, steigt auch die Zahl der Straftaten. Zur Travemünder Woche gab es beispielweise 67 Strafanzeigen, 24 Rohheitsdelikte und 56 Platzverweise.

Dennoch gilt das Seebad als sehr ruhiges Pflaster. Dies bestätigte auch der stellvertretende Leiter der Travemünder Polizeidienststelle, Frank Doblinski, unter Berücksichtigung der konkreten Einsatzzahlen. Tom Leber, Moderator des Liberalen Stammtisches, hatte ihn kurz zuvor nach seiner Einschätzung befragt. Leber war es auch, der dem FDP-Landtagsabgeordneten Grüße aus der Dienststelle überbrachte. Man kennt sich. Jörg Hansen hatte als aktiver Polizeibeamter so manche Dienststellen kennengelernt, auch die in Travemünde. Die Kollegen im Seebad machen einen ganz tollen Job, sagte er. Mit 14,5 Kollegen stemmen sie heute das, was noch bis 2002 in der alten Wache in der Vogtei mit 36 Kollegen erledigt wurde. Möglich wurde dies durch das außerordentliche Engagement der Kollegen, viel Technik und ein ausgeklügeltes Einsatzmodel, an dem auch Beamte aus Kücknitz beteiligt sind. Rund um die Uhr ist die Dienststelle nicht mehr besetzt. Auch werden Rad- und Fußstreifen eher selten eingesetzt.

In Travemünde werden Straftaten selten zur Anzeige gebracht. Weder zum Strand noch zum Grünstrand lagen Anzeigen vor. Die Polizei hat das Geschehen am Grünstrand nahezu täglich mit Interesse verfolgt. Anhaltspunkte für ein Einschreiten gab es zu keinem Zeitpunkt.

Perspektivisch können sich sowohl Jörg Hansen als auch Frank Doblinski eine 24-Stunden-Wache vorstellen. Dazu müsste das Personal deutlich aufgestockt werden, was sich aber gut begründen ließe: Travemünde wächst weiter, neue Wohngebiete entstehen. Zudem setzen die Tourismusexperten auf ein Ganzjahreskonzept. Diese Entwicklung wird Auswirkungen auf die Einsatzzahlen haben. Man wird die Situation neu bewerten müssen, folgerte Jörg Hansen.

Sehr erfreut zeigte sich der Abgeordnete darüber, dass das Reviersterben der letzten Jahre gestoppt werden konnte. Die Strategie der Vorgängerregierung sei ein Irrweg gewesen. Die neue Landesregierung habe 500 neue Stellen beschlossen. Das sei der richtige Weg. Mehr Präsenz im Ort bedeutet mehr Sicherheit. Gerade in der Wahrnehmung der Bevölkerung sei das subjektive Sicherheitsempfinden wichtig. Jörg Hansen weiß um dieses Phänomen. Neben einer „Reaktionspolizei“ müsse es auch eine Stadtteilpolizei und ländliche Polizeistationen geben, sagte er.

In der Bevölkerung genießt die Polizei nach wie vor hohes Ansehen. Viele Beamte sehen sich aber immer häufiger auch mangelndem Respekt, verbaler Aggressivität und ehrverletzenden Beschimpfungen ausgesetzt. Jörg Hansen bedauerte die Entwicklung. Die Ursachen seien vielfältig.

Die Polizei könne oft nur noch reagieren und sei dann mit mehr Personal und mehr Fahrzeugen vor Ort. Dies sei erforderlich, weil die technischen Möglichkeiten, die Handy & Co bieten es erlauben, ganz schnell größere Gruppen zu organisieren, denen ein einzelner Beamter hilflos ausgesetzt wäre.

Der Entwicklung muss entschieden entgegengetreten werden. Wichtig ist es, die Präsenz vor Ort wieder zu stärken. Der vermehrte Einsatz von Fuß- und Fahrradstreifen wären geeignete Maßnahmen.

Wichtig ist es auch, bereits den Kindern in der Schule ein positives Image der Polizeiarbeit zu vermitteln. Rolf Müller, Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Sicherheit und Ordnung bedauerte in diesem Zusammenhang, dass Instrumente wie der Verkehrskasper, die Verkehrserziehung, die Reiterstaffel und das Musikkorps gestrichen wurden. All diese Dinge trugen zu einem positiven Bild der Polizei bei.

Angesprochen auf das Thema Überwachung wurde Jörg Hansen deutlich. Eine generelle Rundumüberwachung lehne er ab, sagte er. Eine Überwachung an Brennpunkten insbesondere in Großstädten sei aber durchaus sinnvoll, zielführend und auch begründet.

Beklagt wurden die strukturellen Veränderungen bei der Wasserschutzpolizei. Diese müsse wieder so ausgestattet werden, dass sie rund um die Uhr auch am Skandinavien-Kai Präsenz zeigen könne. Die Ergebnisse der Schwerpunktkontrollen vor einem Monat haben die Notwendigkeit unterstrichen. Das werde auch von der neuen Landesregierung so gesehen, berichtet Hansen. Der Innenminister habe kürzlich entsprechende Organisationsveränderungen angemahnt.

„Jörg Hansen hat beim letzten Liberalen Stammtisch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Themen Innere Sicherheit und Verbesserung der Polizeiarbeit werden ihn weiter beschäftigen. Ein besonderes Augenmerk wird er auf die Entwicklung im Seebad und auf die Option einer 24-Stunden-Wache richten.

Die FDP dankt allen treuen Freunden des Liberalen Stammtisches für die vielen anregenden Gespräche in diesem Jahr. Wir wünschen allen Bürgern ein ruhiges und gesegnetes Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr 2019!“, so Thomas-Markus Leber, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP-Bürgerschaftsfraktion.