Der Diskussionsbeitrag zum Kreuzfahrtterminal an der Nordermole lässt jegliches Augenmaß vermissen

Eigentlich haben sie ziemlich viel richtig gemacht, die Mitglieder von „Lübeck Cruise“, als sie in der Woche vor Pfingsten die Ergebnisse eines Gutachtens präsentierten, das sie selbst in Auftrag gegeben hatten. Wer wenn nicht „Lübeck Cruise“ sollte sich mit der Zukunft des Kreuzfahrtgeschäftes auseinandersetzen? Nach 3 Jahren war es an der Zeit, ein Zeichen zu setzen und das Thema zu forcieren. Weitermachen? Und wenn ja, wie? Oder doch alle Aktivitäten einstellen? Die Verantwortlichen suchten nach Antworten und bekamen sie: Die Bevölkerung reagierte mit einem Aufschrei.

Die Politik signalisierte in seltener Einmütigkeit: So nicht! Auch wenn die Begründungen ein wenig variierten, der Grundtenor blieb gleich: Kein überdimensionierter Kreuzfahrtterminal an der Nordermole! „Die FDP teilt diese Auffassung“, macht der stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Thomas-Markus Leber, noch einmal deutlich. „Der vorgeschlagene Ansatz lässt jegliches Augenmaß und auch Ortskenntnisse vermissen. Der Bereich, an dem Strand- und Travepromenade aufeinander treffen, gilt als hochsensibel. Freie Sichtachsen machen den besonderen Reiz aus. Ein großvolumiges, multifunktionales und ganzjährig nutzbares Kreuzfahrtterminal würde diesen Eindruck beeinträchtigen. Internationale Sicherheitsstandards machen Sperrzonen und Schutzzäune erforderlich. Diese würden den Charakter der Strandpromenade ebenso verändern wie eine quer über die Strandpromenade verlaufende Zufahrtsstraße, ohne die weder eine Zu- und Abreise der Kreuzfahrtgäste noch eine Versorgung von Schiff und Terminal möglich sind“, so Leber.

 

„Ökologische Aspekte drängen sich auf. Wie wirken sich die nicht unerheblichen Eingriffe im Flachwasserbereich auf das ökologische Gleichgewicht aus? Wie verändern sich die Strömungsverhältnisse? In unmittelbarer Nähe befinden sich Sandstrand, Naturschutzflächen und Wohngebiete. Welche Beeinträchtigungen durch die von Schiffen ausgehenden Schadstoffemissionen sind zu erwarten? Technische Verbesserungen (Abgasreinigung, alternative Antriebe, Landstrom) werden zukünftig zwar Emissionen reduzieren, flächendeckende Null-Emissions-Lösungen sind noch Zukunftsvision.

 

Etwaige Selbstbeschränkungen wären denkbar, müssten aber sorgfältig abgewogen werden, da sie einen Wettbewerbsnachteil bedeuten könnten, wenn andere Häfen nicht mitziehen. Kann Travemünde mit einem Terminal an der Nordermole den Seebadstatus halten?

 

Auch nautische Probleme sind zu erwarten. Ein in der Hafeneinfahrt manövrierender Kreuzfahrer stellt ein nicht unerhebliches Verkehrshindernis dar. Ist das Schiff vertäut, wird es zum Sichthindernis für ein- und auslaufenden Schiffe, da das Fahrwasser im leichten Bogen aus der Travemündung geführt wird, was wiederum das Kollisionsrisiko erhöht. Korrekturen an der Fahrrinne könnten notwendig werden“, so Leber weiter.

 

„Die Verkehrsinfrastruktur im Seebad stößt schon jetzt regelmäßig an ihre Grenzen. Ein Kreuzfahrtterminal an der Nordermole wird weitere Belastungsspitzen generieren, die kaum aufgefangen werden können. Die Parkplatzsituation ist auch ohne Kreuzfahrer angespannt. Was wird sein, wenn viele Kreuzfahrtgäste mit dem eigenen Auto anreisen? Wo können die Ausflugsbusse aufgefahren werden? All dies muss hinterfragt und konsequent durchdacht werden. Auch im Hinblick auf eine Kosten-Nutzen-Relation, bei einem Projekt, bei dem die Investitionen auf 80 Mio Euro für Landzunge, Terminal und Verkehrsanbindung veranschlagt werden.

 

Eine abschließende Bewertung der ambitionierten Idee ist insofern kaum möglich. Zu viele Fragen drängen sich auf. Zu wenig ist über Inhalt und Tiefe des Gutachtens bekannt. Wurde der Standort vollumfänglich untersucht und bewertet oder wurden nur Gespräche mit Kreuzfahrreedereien sowie Schiffsgrößen- und Satelitenbilderanalysen durchgeführt? Und kann die Entwicklung des Kreuzfahrtsegments losgelöst von der sonstigen Hafen- und Verkehrsentwicklung betrachtet werden? Der vielfach angekündigte Hafenentwicklungsplan liegt bislang ebenso wenig vor wie das Gesamtverkehrskonzept für Travemünde. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Gutachtens ist insoweit unglücklich gewählt. So sehr das Engagement des Vereines grundsätzlich und das Bemühen Bewegung in die festgefahrene Debatte zu bringen im konkreten Fall zu würdigen ist, so sehr muss dem konkreten Ansinnen hier in aller Deutlichkeit widersprochen werden“, so Thomas-Markus Leber.

 

„Die FDP-Bürgerschaftsfraktion begrüßt das Engagement des Vereins „Lübeck Cruise“ Travemünde als Kreuzfahrtstandort zu etablieren und entsprechende Aktivitäten zu bündeln. Das Thema Kreuzfahrt kann zu einem Impulsgeber für Travemünde werden. Die Entwicklung sollte jedoch moderat und mit Augenmaß erfolgen. Der Seebadcharakter und das Ortsbild müssen gewahrt bleiben. Einheimische und Urlauber müssen sich wohlfühlen können. Insofern sollte dem Reiz der ganz großen Schiffe widerstanden und der Fokus auf kleinere Schiffe und auf den Ostpreußenkai gerichtet werden. Das zweifellos vorhandene Potential sollte konsequent und verantwortungsvoll genutzt werden. Einzigartige Erlebnisse, einzigartige Angebote, sympathische Details und eine besondere Wertschätzung den Kreuzfahrtgästen gegenüber können dazu beitragen, Travemünde dauerhaft im Kreuzfahrtmarkt zu etablieren. Klein, aber fein, sollte die Maxime sein. Massentourismus wird in Travemünde auf Akzeptanzprobleme stoßen. Hier sollte Lübeck Cruise ansetzen. Die FDP-Bürgerschaftsfraktion wird einen solchen Prozess jederzeit mit frischen Ideen beleben und unterstützen. Denken wir neu!“