Gegen das Vergessen - Gedenk- und Erinnerungsort an Folgen von Palmarum 1942 im Gründungsviertel schaffen!

Erinnerungen entstehen durch soziale Interaktion. Wie kaum ein anderer Ort in Lübeck bietet sich das Gründungsviertel als eines der herausragenden und anspruchsvollsten Projekte im UNESCO-Welterbe „Lübecker Altstadt“ an, um auf dem Areal des im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten ältesten Kaufmannsviertels der Lübecker Altstadt einen Ort des Erinnerns zu schaffen. Ein Gedenkort soll an Palmarum 1942 erinnern, das Ereignis erklären und helfen, daraus Schlüsse zu ziehen.

 

Vom 28. auf den 29. März jährt sich die tödliche Palmarum-Nacht von 1942 zum 76. Mal. Am 26.05.2005 nahm die Bürgerschaft den Antrag der FDP-Fraktion einstimmig an, die neu entstandene Brücke über die Untertrave Eric-Warburg-Brücke zu nennen. Die ausführliche Begründung hat die FDP am 28.06.2005 auch in der Stadtzeitung veröffentlicht. Aber nach wie vor wird auch bei den Gedenkfeiern kaum an die beiden Männer erinnert, die eine noch viel größere Katastrophe verhindert haben. Noch am 17. Juni 2017 beklagte ein Bürger in den Lübecker Nachrichten zu Recht, dass niemand wisse, warum die Eric-Warburg-Brücke ihren Namen bekommen hat. Am 13. März 2018 berichteten die Lübecker Nachrichten, dass Lübeck „Schätze aus dem Gründungsviertel“ für eine zentrale Ausstellung der deutschen Archäologie nach Berlin schickt. Stolz und Vorfreude auf die für unsere Stadt werbende Ausstellung rechtfertigen aber nicht, dass sich auch in diesem Zusammenhang keine Erklärung dafür findet, warum mitten in der historischen Altstadt Lübecks so große Ausgrabungen stattfinden können: die Lücken durch die Palmarum 1942 zerbombten 1468 Bürgerhäuser wurden nach dem Krieg durch Schlichtbauten geschlossen, die jetzt ihrerseits ersetzt werden.

 

Trotz 300 verlorener Leben und schmerzlicher Zerstörung haben Stadt und Bevölkerung allen Grund, zwei Männern dankbar zu sein: Eric M. Warburg und Carl Jacob Burckhardt. Carl-Jacob Burkhardt ist seit Jahrzehnten Ehrenbürger unserer Stadt, und ein Gymnasium trägt seinen Namen.

Für Eric M. Warburg aber, den eigentlichen Initiator der Rettungsaktion, blieb es bis zu der wenig beeindruckenden Einweihung der Brücke bei dem „Golddukaten“, mit dem ihn der Senat 1987 ausgezeichnet hatte. Es fehlt bis heute jeder sichtbare Hinweis auf die Rettungstat: der Hamburger Privatbankier Eric M. Warburg musste 1938 emigrieren. Als Offizier der US-Armee versuchte er nach Palmarum 1942 vergeblich, den britischen Luftfahrtkommandeur Sir Arthur Harris von der totalen Zerstörung Lübecks abzuhalten. Angetrieben auch von persönlichen Bindungen an Lübeck, wandte er sich an Carl Jacob Burkhardt, der dem Internationalen Roten Kreuz in Genf angehörte. Dieser teilte daraufhin der britischen Regierung mit, dass sämtliche Post für die britischen Kriegsgefangenen in Deutschland über das sichere Lübeck ginge. Damit blieb unsere Stadt von weiteren Angriffen verschont. Angesichts der verheerenden Verluste in nur einer Nacht kann jeder Mensch sich heute ausmalen, was geschehen wäre, hätte die Geschichte ihren geplanten Lauf genommen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1948 widmete sich Eric Warburg der Aussöhnung zwischen dem jüdischen und dem deutschen Volk. Als Mitbegründer der „Atlantik-Brücke“ wirkte er auch an dem Brückenschlag zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland mit.

 

Den Faden - gerade zu unserer bedrückenden Vergangenheit - nicht abreißen zu lassen, ist wichtiger denn je. „Immer weniger Zeitzeugen können sich an die Gräueltaten der Nationalsozialisten und die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erinnern“ , sagt der kulturpolitische Sprecher der FDP, Ulf Hansen, „deshalb müssen wir auch in unserer Stadt eine generationenübergreifende Erinnerungskultur entwickeln, die sowohl gegen das Vergessen wirkt, als auch Zivilcourage und Humanität stärkt“.

 

Die FDP Lübeck wünscht sich einen Ideen- und Gestaltungswettbewerb für ein Konzept, in dessen Rahmen an die Geschichte des Gründungsviertels und seine Zerstörung erinnert wird. Es gilt in dem neuentstandenen Gründungsviertel einen Ort zu schaffen, der in unmittelbarem Bezug zu seiner Zerstörung steht.

Der Standort Gründungsviertel bildet in seiner Konzentration in ganz besonderer Weise die Möglichkeit zum Nachdenken über Schuld, Vergebung und Neuanfang.